Zur Theorie des Personzentrierten Ansatzes

Zur Theorie des Personzentrierten Ansatzes

Der Personzentrierte Ansatz (PZA) in Therapie und Beratung ist die „im deutschen Sprachraum am weitesten verbreitete Richtung der humanistischen Psychologie, deren Grundorientierung und Konzepte sowohl im Rahmen von Psychotherapie als auch von Beratung und Pädagogik spezifiziert wurden und breiten Anklang gefunden haben“ (Kritz/Slunecko 2007/2011, 7). Das heilkundliche Verfahren, dass sich im Rahmen des PZA entwickelt hat, wird in Deutschland bis heute weitgehend „Gesprächspsychotherapie“ (GPT) genannt. Der Begriff GPT, unter dem die „Klientenzentrierte Psychotherapie“ oder die „Personzentrierte Psychotherapie“ (internationale Bezeichnung) von Carl R. Rogers durch Prof. Reinhard Tausch und Annemarie Tausch im Deutschland der 60er Jahre bekannt gemacht wurde und den Rogers aus Gründen der Missverständlichkeit abgelehnt hat (vgl. Rogers/Schmid 1991/2004, 11), war von Prof. Tausch quasi „aus der Not heraus gewählt“ worden: Seine Professorenkollegen drohten Tausch seinerzeit damit, ihn zu verklagen, weil er kein „Psychoanalytiker“ sei, sondern „nur“ Psychologe und weil er als solcher die Absicht hatte, „Psychotherapie“ durchzuführen und auch noch darin auszubilden – was damals nur ärztliche Psychoanalytiker durften. Also nannte er die Therapie einfach Gesprächstherapie, denn Gespräche könne ihm „selbst in Deutschland“ niemand verbieten“ (vgl. Kriz/Slunecko 2077/2011, S. 7, sowie Rogers/Schmid 1991/2004, S. 11)

Gesprächspsychotherapie und Personzentrierter Ansatz

Die Grundkonzeption von GPT und PZA umfassen nun dieselben wesentlichen Merkmale. Wobei die GPT, wie bereits erwähnt, als das heilkundliche Verfahren im Rahmen des PZA bezeichnet werden kann. Der PZA  ist in allen helfenden Berufen in einem explizit förderlichen und hilfreichen Sinne anwendbar und gewinnt auch in der Personal- und Organisationsentwicklung kontinuierlich an Bedeutung. Nicht zuletzt wurde der PZA schließlich von Rogers selbst als eine Seinsweise oder Lebensphilosophie beschrieben (Rogers 1991/2004, 243). Im Folgenden werde ich nun die wesentlichen Stichworte zum PZA kurz skizzieren in Anlehnung an Kriz/Slunecko 2077/2011, 18 f sowie Rogers 1981, 66 ff:

Zentrale Aspekte in personzentrierter Therapie und Beratung

FUNDAMENT: Zum einen die Selbstverwirklichungstendenz (auf der Basis der Aktualisierungstendenz) als „ein Charakteristikum des organischen Lebens“ und zum anderen „eine formative Tendenz im Universum als Ganzem“ (Rogers 1981, 66 f).

ZENTRALE HYPOTHESE: „Das Individuum verfügt potentiell über unerhörte Möglichkeiten, um sich selbst zu begreifen und seine Selbstkonzepte, seine Grundeinstellungen und sein selbstgesteuertes Verhalten zu verändern“ (ebd.) in eine konstruktive zum Besseren hin orientierte Richtung – ein klar definierbares Klima förderlicher psychologischer Einstellungen vorausgesetzt. Zu diesen Einstellungen oder diesem Klima gehören die nachfolgenden MERKMALE.

BEZIEHUNG: Es besteht eine (therapeutische) Beziehung zwischen Klient und Berater, sie stehen in einem psychologischen Kontakt miteinander – wobei der Klient der Experte für sein Leben ist und bleibt und der Therapeut ihm „auf Augenhöhe“ begegnet.

INKONGRUENZ: Auf Seiten des Klienten geht es um Inkongruenz (bezüglich bedrohlicher Erfahrungen für sein Selbstkonzept).

KONGRUENZ: Auf Seiten des Therapeuten besteht in Bezug auf den Klienten größtmögliche Kongruenz (Echtheit)

AKZEPTANZ: Dem Therapeuten gelingt größtmögliche Wertschätzung für den Klienten / bedingungsfreie Akzeptanz (im Sinne einer tiefen Achtung vor menschlichem Leben).

EMPATHIE / EMPATHISCHES VERSTEHEN: Der Therapeuten kann wirklich empathisch sein, das heißt, den Klienten echt und tiefgehend verstehen, wobei der Therapeut als Person so gegenwärtig ist, dass sein ganzes Bemühen darauf konzentriert ist, den anderen vollständig zu verstehen, fast als wäre er sein alter ego. Er überprüft sein eigenes Verstehen aus dieser Perspektive immer wieder daraufhin, ob das von ihm mit seinen Worten Gesagte möglichst genau das Gesagte des Klienten ist: „ ‚Ich überlege, ob es das ist, was Sie meinen – oder – meinen Sie das?‘ “(Rogers 1951/2005, 49 f). Es entwickelt sich so ein immer tiefer gehendes Verstehen auch auf Seiten des Klienten. „’Ich spürte deutlich den Wunsch, das, was ich gesagt hatte, klar zu machen, nicht so sehr ihm als Person [dem Therapeuten], sondern durch ihn mir selbst‘ “ (ebd.).

ERREICHBARKEIT: Den Klienten erreichen die Wertschätzung und das tiefe Verstehen des Therapeuten, er kann sie wahrnehmen und annehmen.

Der erste Eindruck, dass die hier aufgeführten wesentlichen Merkmale des PZA „nur“ auf das Individuum beziehungsweise auf die Dyade Therapeut und Klient zuzutreffen scheinen, ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass Rogers seine personzentrierte Theorie mit dem Anspruch eines wissenschaftlichen Verfahrens auf Basis seiner klinischen Forschungen eben vor allem in der Auseinandersetzung zwischen Therapeut und Klient als „klientenzentrierte Psychotherapie“ entwickelt hat. Jedoch ist der PZA über das heilkundliche Verfahren im Einzelsetting hinaus ein höchst wirksames Hilfe-Konzept auch in Mehrpersonensettings.

„Die Behauptung, die Humanistische Psychologie bliebe dem Individuum verhaftet […], trifft jedenfalls […] für den Person-zentrierten Ansatz nicht zu. Richtig verstanden sieht er die Person in der Gruppe, die Person im System, nie das isolierte Individuum“ (Schmid 1996, 102).

QUELLE: Dieser Textauszug stammt aus einer meiner studienrelevanten Arbeiten mit dem Titel „Der Personzentrierte Ansatz in Mehrpersonensettings“ vom 19.10.2012.